Tier- oder Human-Messgerät? Teil 1 - Genauigkeit

Tier- oder Human-Messgerät? Teil 1 - Genauigkeit
Unser erstes Messgerät - das GlucoCheck von Testamed - und die VetMate Stechhilfen.
Dieser Artikel geht schon ziemlich in die Tiefe - ein kleiner "Deep Dive". Im Laufe der letzten Monate habe ich wahnsinnig viele interessante Sachen gelernt, die man nicht unbedingt braucht, um seinen pelzigen Diabetiker gut zu versorgen. Aber es kann doch helfen, noch mehr über die Hintergründe zu verstehen - und ich finde, es macht auch echt Spaß 😃

Heutzutage gibt es - glücklicherweise - eine enorme Auswahl an Geräten, mit denen man den Blutzucker messen kann. Inzwischen sogar solche, die explizit für Tiere produziert wurden! Allerdings sind die meistens langfristig deutlich teurer - die Kosten für die Teststreifen überschreiten den Anschaffungspreis meistens schnell. Details dazu findest Du hier:

Habe ich genug Geld, um meinen Hund trotz Diabetes gut zu versorgen?
Welche Kosten können durch Diabetes auf mich zukommen? Was brauche ich überhaupt alles als Grundausstattung und was monatlich?

Also stellt sich schnell die Frage: Brauche ich echt ein Gerät extra für Hunde? Meine kurze Antwort: Nicht unbedingt. Aber es kann trotzdem Sinn machen, sich Gedanken darüber zu machen, wo die Unterschiede liegen.

Dafür möchte ich auf zwei zentrale Aspekte eingehen: Zum einen, was ein gutes Messgerät überhaupt ausmacht. Zum anderen, was nun ein Messgerät für Hunde unterscheidet von einem für Menschen. Los geht's!

Was ist ein "gutes" Messgerät?

Ein gutes Messgerät gibt Dir Werte, die sehr nah an dem echten Wert liegen. Also möglichst "richtige" Werte. Ein "richtiger" Wert hat aber zwei Eigenschaften: Er ist genau und er ist präzise.

Genauigkeit, Richtigkeit und Präzision - ist doch alles das Gleiche?

Die Frage klingt schon so... Natürlich ist das nicht das Gleiche 😉 Als Ingenieurin habe ich mich im Studium auch mit Messtechnik beschäftigt. Dabei ist es erstmal egal, was das Gerät misst, ob es einen Stromfluss, eine Temperatur oder eben den Blutzucker misst - man möchte genaue Werte haben. Ein genauer Wert ist einer, der präzise und richtig ist. Dazu erstmal zwei kleine Beispiele:

Wenn ich ein Thermometer vor dem Fenster habe und damit entscheide, wie warm ich mich vor dem Gassigehen anziehe, ist es nicht so schlimm, wenn das ein paar Grad daneben liegt. Wind, Sonne und wie stark ich mich bewege beeinflusst viel stärker als ein paar Grad Unterschied, ob ich die Winterjacke anziehe oder ob ein Pulli und eine Windjacke reichen.

Wie sehr die Werte streuen, beschreibt die Präzision. Ein sehr präzises Thermometer zeigt vielleicht jedes Mal 18° C an, obwohl es eigentlich 14° C sind. Ein unpräzises Thermometer würde dann vielleicht mal 14° C anzeigen, mal 18° C und ein anderes Mal 22° C. Obwohl draußen auch immer die gleiche Temperatur herrscht.

Und was ist jetzt Richtigkeit? Die Richtigkeit beschreibt, wie nah Deine Messwerte im Schnitt (!) am wahren Wert liegen. Sagen wir also, bei Dir wäre es jeden Tag 15° C warm. Wenn Du jetzt jeden Tag aufschreibst, was Dein Thermometer anzeigt, könnte es mal 10°, mal 15°, mal 13° und mal 17° anzeigen. Im Mittel kämst Du dann auf 15° C - Glückwunsch, Dein Thermometer hat eine hohe Richtigkeit! Für Deine Jacken-Entscheidung morgens bringt Dir das aber nicht viel. Du weißt ja nicht, in welche Richtung der Wert an genau dem Tag abweicht.

Du willst also im Idealfall ein Thermometer haben, das richtig und präzise ist.

Wenn wir immer die gleiche Abweichung vom tatsächlichen Wert haben, sprechen wir übrigens von einem systematischen Fehler. Das kann ich teilweise durch eine Kalibrierung beheben, oder eben immer mit einberechnen. Ein Thermometer, das eine geringe Richtigkeit (starke Abweichung vom echten Wert), aber eine hohe Präzision (geringe Streuung) hat, bringt Dir in der einzelnen Entscheidung also mehr als eines, das eine hohe Richtigkeit (im Durchschnitt zeigt es den echten Wert an), aber eine geringe Präzision (es streut enorm und zeigt mal 10° zu wenig und mal 10° zu viel an) hat. Die geringe Richtigkeit kannst Du ja umrechnen.

Thermometer (und eigentlich alle Messgeräte) zeigen oft nicht den wirklichen Wert der Außentemperatur an. Trotzdem kannst Du Dich in den meisten Fällen vermutlich passend anziehen, bevor Du aus der Tür trittst. Du kennst ja Dein Thermometer und ob es präzise, richtig oder sogar genau ist. Beim Blutzuckerspiegel ist es ähnlich: Ob Du und Dein Tierarzt gute Behandlungsentscheidungen aufgrund der Messwerte treffen können, hängt nicht nur davon ab, wie genau das Messgerät misst.

Falls Dir der Exkurs zu wild war - nicht so schlimm. Merken solltest Du Dir nur, dass kein Messgerät immer den exakten Wert anzeigt. Und dass das nicht schlimm sein muss. Sehr schön erklärt sind die Begriffe übrigens nochmal hier:

Richtigkeit, Genauigkeit und Präzision
Erläuterung und Abgrenzung der Begriffe Richtigkeit, Genauigkeit und Präzision im Zusammenhang mit Methodenvalidierungen.

Und was heißt das jetzt für mein Blutzuckermessgerät?

Nach diesem kleinen Exkurs können wir die ersten Unterschiede zwischen Tier- und Humanmessgeräten anschauen.

Humanmessgeräte müssen seit 2017 der DIN EN ISO 15197-2015 entsprechen. Die Norm kannst Du hier finden:

DIN Media - Normen, Standards & Fachliteratur kaufen - seit
DIN EN ISO 15197 - 2015-12 Testsysteme für die In-vitro-Diagnostik - Anforderungen an Blutzuckermesssysteme zur Eigenanwendung bei Diabetes mellitus (ISO 15197:2013); Deutsche Fassung EN ISO 15197:2015. Jetzt informieren!

Die Norm beschreibt unter anderem, welche Belastungen das Messgerät aushalten können muss (z. B. sehr hohe oder niedrige Temperaturen oder Stöße). Vor allem aber definiert sie, wie groß die Abweichung von Messungen vom tatsächlichen Blutzuckerwert sein darf.

Wir können uns also bei Human-Messgeräten sehr gut darauf verlassen, dass die Werte, die das Gerät anzeigt, sehr nah an dem tatsächlichen Blutzuckerwert liegen. Allerdings nur beim Menschen! Dazu kommen wir in Teil 2 noch ;)

Ein Messgerät für Tiere hingegen unterliegt nicht dieser Norm. Falls der Hersteller keine Ergebnisse dazu veröffentlicht, wie genau sein Gerät misst, kannst Du Dich also nur sehr begrenzt auf die Werte verlassen. Es kann sein, dass es super exakt misst - aber es kann auch total daneben liegen und Dir damit die Behandlung Deines Hundes enorm erschweren!

Also einfach ein Messgerät für Menschen kaufen, das die Anforderungen der Norm erfüllen muss, und alles ist gut? Nicht ganz...

Warum ein Messgerät, das beim Menschen super genau misst, bei Deinem Hund eine riesige Abweichung haben kann, erkläre ich in Teil 2 der Mini-Serie 😄